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24. 03. 2006
Lieber Geduld als Gedudel
Der Jazzpianist Nik Bärtsch in der Münchner Muffathalle
Von Oliver Hochkeppel
Die mediale Geräusch-Gesellschaft erzieht zur Ungeduld. „Wann geht’s denn endlich los?“ dachte man sich am vergangenen Mittwoch in der Münchner Muffathalle auch noch, als das Konzert schon im Gange war. Minutenlang stellte da der Perkussionist Andy Pupato mit zwei Shakern einen widerborstigen Rhythmus in den Raum. Nach und nach, fast aufreizend gemächlich, mischten sich abgedämmte Töne vom Flügel dazu. Es gehört zum Konzept des Schweizer Pianisten Nik Bärtsch und seiner Band Ronin, das Publikum auf die Folter zu spannen. Gemächliche Grooves, radikale Repetition und zunächst kaum merkliche Variation fordern den vom allgegenwärtigen Gewusel, Gedudel und Geschrubbe Konditionierten heraus. Bärtsch erzieht zur Geduld – und dass die reichlich belohnt wird, ist der besondere Vorzug dieser kleinen musikalischen Revolution, geboren aus einer Schweizer Kombination aus Langsamkeit und Weltläufigkeit.
Dann geht es schlagartig mächtig ab: Hämmernde Klavierakkorde, knackige Läufe des schwedischen Bassisten Björn Meyer, das präzise peitschende Schlagzeug von Kaspar Rast und sonore Klicklaute von der XXL-Bassklarinette des Holzbläsers Sha machen klar, warum Bärtsch das Ganze „Zen-Funk“ und „Ritual Groove Music“ nennt. Es groovt wie Hölle, wenn der Glatzkopf mit Grungebärtchen, Ohrrig und priesterlichem schwarzem Gewand mit mönchischer Strenge eigentlich paradoxe Klangwelten ineinander presst: Reduktionsmeister John Cage steht Pate, der Formvollender und minimal artist Steve Reich lässt grüssen, Strawinsky lugt kurz herein, genau wie ein paar japanische Ritualtrommler – und alle zusammen belegen sie hier sozusagen einen Tanzkurs beim Unterleibschwingenden James Brown. „Meine Musik... ist aus dem universellen Klang der Städte destilliert, nicht aus einer nationalen oder Stil-Tradition. Die Stadt in ihrer rauschhaften Vielfalt fordert die Fähigkeit zu fokussieren“, schreibt Bärtsch auf seiner Homepage.
Klänge wie japanische Messer
Und so bekommt Note für Note, Beat für Beat unglaubliches Gewicht. Polyrhythmische Cluster, melodisch eher fragmentarisch, kreiseln kontinuierlich um sich selbst, verändern sich fast unmerklich, bis sie sich schliesslich verzahnen und überlagern. Fast dreidimensional kommt das daher, der inflationäre Begriff der Klangräume greift hier. Bärtsch denkt und arbeitet in „Modulen“, und so heissen dann auch die einzelnen Stücke, ganz einfach durchnummeriert. Manche haben diese Beat-Kaskadne deswegen schon mit Ambient oder Trance in Verbindung gebracht. Doch der Unterschied ist nicht nur Elektronik versus Handarbeit. Hier ist nichts beruhigend oder chillig, Bärtschs Präzision und Klarheit macht wach. Es ist wie mit diesen industriell gewalzten Edelstahl-Küchenmessern: Optisch ähneln sie den in aufwändiger Handarbeit geschmiedeten japanischen Kunstwerken. Letztere aber schneiden nicht nur ganz anders, sie haben auch eine ganz andere ästhetische Qualität.
Die Frage nach dem wirklich Wichtigen und die Kunst, „an der richtigen Stelle nichts zu tun“, spiegeln sich in Bärtschs Konzept der „Ekstase durch Askese“. Bis dahin war es auch beim heute 34-Jährigen ein weiter Weg. Von einem Volksschullehrer auf Blues und Jazz-Standards angesetzt, gründete er mit elf eine frühreife Jazzband – zusammen mit dem Drummer Kaspar Rast übrigens, der ihm bis heute fast symbiotisch die Treue hält. Bärtsch lernte dann neuen Jahre lang Jazzklavier und Schlagzeug, bevor er noch eine klassische Ausbildung an der Zürcher Musikhochschule draufsetzte. Das reichte, um danach in jeder Bank mitzumischen, die ihn einsteigen liess, von Fusion über Funk bis zu Free Jazz. Ein extrovertierter Reigen, der ihn an den Punkt brachte, wo er sich im Vielklang zu verlieren fühlte.
Vom parallel aufgenommenen Studium der Philosophie, Linguistik und Musikwissenschaft bestärkt machte Bärtsch reinen Tisch. Schmiss bis auf wenige essentielle Alben seine Plattensammlung raus. Hörte auf mit der ad-hoc-Musik. Und orientierte sich auch musikalisch in die ästhetische Richtung, die ihn mit 14 so fasziniert hatte, als er Kurosawas „Ran“ im Kino sah: Japan spielte fortan eine wenn auch unterschwellige, so dennoch entscheidende Rolle bei seiner Arbeit. Was beim Gemeinschaftssinn, dem „Gruppenspirit“ einer Band beginnt. Wie ein lebender Organismus wirkte schon seine 1997 gegründete, eher kammermusikalische Gruppe Mobile. Bei vielstündigen, multimedial umrahmten Gigs spürte man dem Gesamtkunstwerk nach. Um in Clubs auftreten und „mit mehr Power spielen“ zu können, gründete Bärtsch 2001 die nach den Söldnern aus Kurosawas „Sieben Samurai“ benannte kräftigere Variante Ronin, deren Montagabende im Zürcher „Club Bazillus“ schon lange Kultstatus haben.
Vor eineinhalb Jahren stand in diesem Feuilleton ein fast schon verzweifelter Aufruf an die deutsche Plattenindustrie, sich doch Nik Bärtschs anzunehmen dessen Alben bislang nur bei seinem Eigenvertrieb zu kriegen waren. Manfred Eichers führendes Avantgarde-Label ECM hat das jetzt besorgt. Seit einer Woche liegt „Stoa“ in den Läden; ein nicht ganz so puristisches Album wie die Eigenregievorgänger, das gerade deshalb für alle empfehlenswert ist: Von Theoretikern und Teezeremonie-Liebhabern bis zu Tanzwütigen. Die Geduld hat sich also auch da gelohnt.