| nik bärtsch press | Süddeutsche Zeitung | 26. 11. 2004

Wenig. Leise. Und dann: Woff!

Groove ohne Ego – Der Schweizer Musiker Nik Bärtsch macht grossartigen Zen-Funk
Es ist ein Glück für jeden, der gern zu guter Musik in seiner Küche herumtanzt, dass Nik Bärtsch vier CDs eingespielt hat. Davon will man hierzulande noch nicht wirklich viel wissen. Hier eine erste Orientierung: Er macht Minimal-Ritual-Zen-Groove-Funk. Den besten, versteht sich.

Es fing alles an mit einer CD, die auf Umwegen in eine Münchner Küche gelangte und dort sofort zu einem obskuren Streitgespräch führte.
A: Mann, was das abgeht. Ist das Funk?
B: Ne, das ist E. Die minimalen Themen. Und dann 5/4. Wo gibt’s denn 5/4-Funk?
A: E?! E ist doch Stockhausen. Schnittke. Dissonanzen! Hör mit Schmerzen.!
B: Aber es klingt so reduziert und streng.
A: Reduziert! Hör doch mal hin, das geht ab wie’n Zäpfchen.

Es ist seltsam. Sagt man was von „Reduktion“, denken die meisten, ah, sieh an, ein bildungshuberisches Synonym für freudlose Langeweile und musikalisches Knäckebrot. Die CD, sie heißt „Rea“, lief über Tage. Diese eng gebündelten Themen, wie sich da Irrsinnsrhythmen mit winzigen Melodiekernen obsessiv im Kreis drehen, der Groove, was ist das bloß für ein Zeug?!

Internetrecherche. Suchbegriff „Nik Bärtsch“. Schweizer Komponist und Musiker, 33, auf Fotos sieht er ein wenig aus wie Foucault als DJ, Glatze, funkelnde Augen, strenge schwarze Kleidung, Grungebärtchen. Auf seiner Homepage www.nikbaertsch.com steht ein kurzer Text mit dem Titel „Ekstase durch Askese“: „Meine Musik und meine Klänge (...) sind aus dem universellen Klang der Städte destilliert, nicht aus einer nationalen oder Stil-Tradition. Die Stadt in ihrer rauschhaften Vielfalt fordert die Fähigkeit zu fokussieren.“


» Komponieren muss man mit somnambulem Intellekt. «


Zürich, hinterm Hauptbahnhof, eine ruhige Straße, ein Gründerzeithaus, darin ein schönes, klares Arbeitszimmer: Aufgeräumter Schreibtisch, ein kleines Tischchen mit einem Foto darauf und in der Mitte des Raumes zwei Flügel.

Die amerikanische Zen-Meisterin Joko Beck hat den Begriff Aufmerksamkeit einmal definiert als „Dasein in diesem Augenblick“. Sie erzählt dazu die Geschichte, wie sie als angehende Pianistin zu einem neuen Lehrer kam: „Als ich in die Stunde kam, sah ich, dass er mit zwei Klavieren unterrichtete. Er setzte sich schweigend an sein Klavier, spielte fünf Töne und sagte: ,Tun Sie dasselbe.’ Ich spielte die fünf Töne, er sagte: ,Nein.’ Er spielte dieselben Töne, ich wiederholte sie. Wieder sagte er: ,Nein.’ In den nächsten Wochen spielte ich fünf Töne und weinte viel. Er hatte alles, was ein guter Lehrer braucht, Intensität und Entschlossenheit, den Schüler zum Erkennen zu bringen. Nach drei Monaten sagte er plötzlich: ,Gut’. Ich hatte gelernt, zuzuhören. Und wie er sagte: ,Wenn man zuhören kann, kann man auch spielen.’“

Das Erste, was an Bärtsch auffällt, ist die freundliche, schnelle Präsenz. Sagt man was, funkelt er einen ironisch an und antwortet dann was Kluges: „Komponieren muss man mit somnambulem Intellekt.“ Oder: „Reduktion ist ein Verfahren, um genau zu sein, sich in der Vielfalt nicht zu verlieren und aufzulösen.“

Jahrelang hat Bärtsch alles gespielt. Weil er alles konnte: Er hat mit Jazz und Blues angefangen und in Zürich eine klassische Pianistenausbildung gemacht. Über Jahre hin war er allabendlich eine Art musikalischer Durchlauferhitzer: „Rein in den Club, raus aus dem Club, wenig Proben, nie eine kompakte Band,“ und permanent irgendwas spielen von all der Musik, die auf diesem ohnehin viel zu lauten Planeten ventiliert wird. Mit Mitte 20 hörte er erst mal auf und fegte aus. Jazz, Funk, Minimal, Avantgarde – und wo bin ich? Es folgte ein mentales Großreinemachen.


» Wenn der Gegner kommt. «

Bärtsch studierte Philosophie. Beim letzten Umzug reduzierte er seine Plattensammlung radikal: Von 500 Platten und 400 CDs blieben 20 Tonträger übrig: Morton Feldman, Bach, James Brown, den archaischen „Sacre du Printemps“ von Strawinsky: „Es ist ein großes Glück für die Musikgeschichte, dass der Ballettmusik geschrieben hat“. Es ist ein großes Glück für jeden, der gern zu guter Musik in seiner Küche herumtanzt, dass Nik Bärtsch vier CDs eingespielt hat.

Bärtsch gründete zwei Ensembles: Das Quartett Ronin, das, besetzt mit E–Bass, Schlagzeug, Percussion und Fender Rhodes, kräftiger zulangt; und das etwas stillere Quartett Mobile. Und dann gibt es noch den Solo-Pianisten. Alle drei Formationen kreisen um dieselben Fragen: Was ist der Kern? Wie kann man, wenn anything goes und wenn, wie Heiner Goebbels sagt, alles schon da war, zwingende eigene Musik machen? „Wobei – ich glaub ja gar nicht, dass alles schon da war,“ sagt Bärtsch.

Bärtsch verbindet winzige musikalische Strukturen mit pulsendem Groove und Funkrhythmen. Wobei Funk ja meist bedeutet, dass ein Solist mit relativ wenig Tonmaterial rhythmisch herumhantiert; die übrigen Musiker dienen ihm dann als Fachkräfte in einem Zulieferbetrieb für Egomanie.
Kann es das geben, Funk ohne dickes Ego? Reinen Groove? Was ist überhaupt Groove? Nik Bärtsch sagt: „Groove ist, wenn man immer tiefer drinsitzt in der Mikrophrasierung.“ Kaspar Rast, Bärtschs Schlagzeuger, sitzt auf den CD’s so tief im Rhythmus wie ein Harley-Fahrer auf seiner Maschine.

Bärtschs Themen sind wie Räume, die mit einem Mal aufgehen. Es gibt keine gefühligen Intros, so wie es auch keine Titel gibt. Die Stücke heißen nüchtern „Modul 8“, „Modul 23“. Die Themen werden sofort hingeblättert als sagte er, so, hör hin, das ist das Material: Eine Sekunde, noch eine, diesmal eine Quart höher, wir spielen das in einem 5/4-Rhythmus. Das ist alles. Und dann wird das Material betastet, umgruppiert, neu kombiniert, ein wenig zur Seite gerückt, steht über Minuten leise kreiselnd auf der Stelle, bis sich das Schlagzeug darunter stellt und es jäh in die Höhe stemmt wie ein Gewichtheber. Woff! Das ist Funk.

„Aikido ist wie live spielen“, sagt Bärtsch, der selbst meist gekleidet ist wie ein japanischer Zeremonienmeister. „Wenn der Gegner kommt, muss man reagieren.“ Der Gegner; der Partner. Es gibt auch in Bärtschs Kompositionen Soli. Aber eben nicht im „ekstatischen, jazzigen, narrativen Sinn“. Die Solisten lassen Räume für den Rhythmus; umgekehrt stehen Schlagzeug und Percussion nicht im Hintergrund, damit der Solist brillieren kann. Die Band funktioniert wie ein Organismus. Dauernd wird blitzschnell umgeschaltet, schieben sich kleine Veränderungen osmotisch von einem Instrument zum anderen. Groove ohne Ego. Das heißt nicht, dass das je Maschinensound wäre. Auf den CDs steht: „No loops or overdubs“, jeder Klang hat hier sozusagen Hand und Fuß. Dazu passt, dass Bärtsch über seine Musik wie über autarke Lebewesen spricht: „Ich finde einen Rhythmus und schaue mir den an: Wie tanzt der? Wie bewegt der sich?“

Zwei Themen tauchen im Gespräch an allen Ecken und Ende auf: Japan – und Strawinsky. „Einmal wurde er gefragt, warum er nie in seinem Leben nach Afrika gereist sei. ,Die brauchen meine Musik nicht,' hat er gesagt, ,die Afrikaner sind rhythmisch gut genug.’“ Die Deutschen aber brauchen Nik Bärtschs Musik. Es ist eine Schande, dass die Labels hierzulande auf ihren Ohren sitzen und noch nicht gemerkt haben, was da in Zürich seit fünf Jahren entsteht. Bisher kann man Bärtschs CD’s nur über seine Homepage bestellen.

Musikindustrielle von Hamburg bis München: Es gibt da einen, der macht küchenkompatible Avantgardemusik. Und in Eure grausligen Labeltexte könnt Ihr schreiben, Bärtsch kreiere Minimal-Ritual-Zen-Groove-Funk.

Alex Rühle