schott musik international, mainz 2003
Fenster 8: Statement Nik Bärtsch | S. 73f.
Antworten auf die folgenden zwei Fragen des Autors:
(1) Wie schätzen Sie die Bedeutung reduktiver Strategien für Ihr eigenes Musikdenken und Ihre eigene Musikpraxis ein?
(2) Wie sehen Sie die Relevanz reduktiver Ästhetik für die Musik der Gegenwart?
1. Reduktive Strategien sind in meinem musikalischen und alltäglichen Denken und Handeln zentral. Im Hirn und Körper wie in der Welt existieren Millionen von interessanten, verlockenden Möglichkeiten, Ideen und Konzepten. Reduktion (aufs Wesentliche) scheint mir persönlich eines der besten Verfahren, um genau zu sein, sich in der Vielfalt nicht zu verlieren und "aufzulösen", daran nicht zu verzweifeln und als Folge nicht durchzudrehen: Das reduktive Verfahren ist ökonomisch, achtsam gegenüber dem Material und befreit, vertieft = "belebt" das Material magisch effizient. Man kann dadurch dem Material besser zuhören und zusehen, was es singt, sagt und wie es sich bewegt. Durch (selbstgewählte ...) Ordnung entsteht erst viel Freiheit, wie Strawinsky sagte. Die Fragen lauten sowohl für die Kunst wie für das Leben immer: Was ist wirklich wichtig? Wieviel von etwas braucht es? Was kann ich weglassen? Das Schwierigste ist, am richtigen Ort nichts zu tun. Einfachheit ist oft komplexer als Komplexität.
Ich denke, dass minimalistische bzw. reduktive Praxis (im Leben wie in der Kunst) anders als in der Mitte des 20. Jahrhunderts (und nach den "Befreiungsbewegungen in Jazz und neuer E-Musik der 60er und 70er Jahre) heute eine Antwort auf das "anything goes" ist. Die große Vielfalt und die Situation der "Auflösung fester Werte" in Kunst und (sozialem) Alltag führen dazu, dass man sich genau bewusst sein muss und Verantwortung dafür übernehmen muss, warum und auf Grund welcher Kriterien man was tut und auswählt - eine gute Situation! Die Frage ist immer wieder: Wis ist wichtig, was ist "wesentlich"? Was liegt in meinem Wesen, was liegt im Wesen des Materials, wie "führe" ich mich darauf zurück? Einfältige Einfachheit ist spannungslos - intelligente Einfachheit ist die Spannung zwischen Selbstvergessenheit und ironisch-blitzendem Intellekt.
2. Reduktion im "modernen Sinn" ist sicher eine der großen interessanten Neuerungen in der Musik ab dem 20. Jahrhundert und ist bis heute in allen möglichen Stilrichtungen eine Alternative zu Erzähldrang, assoziativer Beliebigkeit oder Glaube an Qualität durch Komplexität geblieben. Sie bildet zudem immer noch eines der wichtigsten Scharniere zwischen bildender Kunst und Musik. Gelegentlich fährt sie auch in Sackgassen - etwa dort, wo Einfachheit "einfach" behauptet und nicht kreiert und konstruiert wird, oder dort, wo populäre "reduktive"klassische Musik die leeren Konzertsäle und Plattenfirmenkassen füllensollen. Reduktion ist eben auch kein Patentrezept für moderne, "gute" oder mindestens interessante Kunst. Reduktive Strategien sind nahe liegende Antworten auf die Explosion der Musikstileund der Produktions- und Vervielfältigungsmöglichkeiten (durch Verfügbarkeit der Geschichte, Sampler, Homerecording, eigene CD-Pressmöglichkeit etc.) und auf die Überfülle an Klängen im Äther: back to the roots - back to the future.