| nik bärtsch press | Neue Zürcher Zeitung | 24. 09. 2005

24. September 2005, Neue Zürcher Zeitung

Grooves in orchestralem Gewand

Der Pianist Nik Bärtsch im Moods

In der Landschaft der Klänge scheint Rhythmus wie aufgelöst in einer Wolke der Töne und Timbres. Doch so wie sich das Ohr allmählich gewöhnt an das Rauschen und Zirpen, Wogen und Wehen, erkennt es, wie hier einzelne Instrumentalstimmen, eigenen Metren folgend, durch Überlagerung und Reibung zusammen die Wirkung schwebender Zeit erzeugen. Und wenn dann Nik Bärtsch auf den pastoralen Auftakt seiner Musik unvermittelt den Imperativ eines allseits verbindlichen Grooves folgen lässt, schafft er nicht einfach nur einen dynamischen Kontrast. Es ist vielmehr, als hätte er aus der Vielzahl unabhängiger Akzente plötzlich ein rhythmisches Muster gefiltert, um die freien Sounds und Beats einer sinnstiftenden Syntax unterzuordnen.

Die Abwechslung kurzer klanglicher Tableaus und üppig instrumentierter Groove-Passagen strukturierte am Donnerstag im Moods das knapp stündige Konzert, das Nik Bärtsch zusammen mit seiner Band Ronin und dem Ensemble für neue Musik Zürich gab. Obwohl es sich bei der künstlerischen Kooperation der beiden Formationen um eine Premiere handelt, hat der Zürcher Pianist und Komponist seinen Musikern kein gänzlich neues Stück vorgelegt. Vielmehr ertönte ein spezielles Arrangement, in dem Bärtsch verschiedene «Module» in einen neuen Ablauf brachte. «Module» - das sind jene rhythmisch-motivischen Patterns, die prägend sind für die von Strawinsky, Funk und Minimal Music inspirierte «Ritual Groove Music» des profilierten Zürcher Musikers. Der Klangkörper des Ensembles für neue Musik bot Bärtsch die Möglichkeit, das Spektrum an Klangfarben erheblich zu erweitern - durch Flöte, Klarinette, Geige, Cello, Marimba, Samples - und seine Grooves so in ein orchestrales Gewand zu kleiden. Tatsächlich wirkte die Ritual Groove Music noch selten so beschwingt, so süffig, so bekömmlich. Man wurde bald an malerische Filmmusik erinnert und bald an effektvollen Impressionismus. Kein Wunder, applaudierte das Publikum zuletzt begeistert.

Und doch wurde auch klar, dass das Potenzial dieses Projekts längst nicht ausgereizt worden war. Zum einen nämlich müsste Bärtsch, der sein Piano klanglich bis ins letzte Grollen oder Scheppern beherrscht, sich inskünftig vermehrt mit den klanglichen Eigenheiten der verschiedenen Instrumente auseinandersetzen: Bei den Streichern setzte er zu oft auf die harmlose Reinheit klanglicher Primäreffekte - so wie er das Cello im Finale dann für einmal in höhere, giftigere Register schickte, gab es neue Elektrizität im Gesamtklang. Zum andern spielte das Ensemble für neue Musik zwar diszipliniert und engagiert, aber zur interpretatorischen Verve und hypnotischen Strenge fehlte es noch an Vertrautheit mit der «Ritual Groove Music». Die Kollegen von Ronin dagegen bewiesen, dass sie die Module verinnerlicht haben - Kaspar Rast etwa trommelte die schwierigen rhythmischen Muster mit lakonischer Nonchalance. Und Sha brillierte durch ein klanglich stupendes Solo auf der imposanten Kontrabass-Klarinette.

Ueli Bernays

Zürich, Moods, 22. September.