| nik bärtsch press | Neue Zürcher Zeitung | 26. 04. 2003

Rezeptfreies Hypnotikum

«Nik Bärtsch's Ronin» im Moods

Wenn man die Musik des Zürcher Pianisten und Komponisten Nik Bärtsch mit dem Minimalismus von Terry Riley oder den polyrhythmischen Kunststücken von Steve Coleman vergleicht, dann greift man zu kurz. Man erklärt mit solchen und anderen formalen Deskriptionen nicht, weshalb diese Klänge eine unausweichliche Wirkung auf ihre Hörer ausüben, sie zu einem anderen Bewusstseinszustand, einer inneren Ekstase führen. Dieser Magie, die Bärtsch mit geheimnisvollen Begriffen (Zen-Funk, Ritual Groove Music, Ronin) umschreibt und gerne auch im Zusammenhang mit asiatischen Kampfsportarten inszeniert, lässt sich auf jeden Fall nicht so leicht auf den Grund gehen.

Im Moods erhalten Bärtsch und seine Weggenossen (Björn Meyer, Sechssaiten-Elektrobass, Kaspar Rast, Schlagzeug, und Andi Pupato, Perkussion) Gelegenheit, an drei Abenden ihre Kunst zu entfalten. Bereits am ersten Abend, an dem das Quartett Ronin ohne Gäste auftrat, fand sich eine grosse, begeisterte Fangemeinde ein. An den weiteren Abenden stossen zwei Aikidokas (Schwertkämpfer) beziehungsweise drei Bläser zur Stammbesetzung. Die exakt komponierten, fast in jedes Detail festgelegten Stücke von Nik Bärtsch heissen ganz einfach «Modul 14» oder «Modul 8-9». Sie alle basieren auf Basslinien, die sich langsam entfalten, und präzise festgelegten Beats oder Grooves, die meist an einer Stelle der Basslinie einsetzen, wo man sie nie erwartet hätte. So werden die Linien, die zuweilen an Bekanntes erinnern (diejenige von Modul 17 beispielsweise an das Intro zu «Desafinado» von Getz/Gilberto), zu ambivalenten Kippfiguren, die durch einen völlig unerwarteten, aber absolut nachvollziehbaren Rhythmus grundlegend umgedeutet werden. Darüber schichtet Bärtsch wundersame Akkorde oder Arpeggi, betätigt unverhofft ein kleines Becken, und schon erfolgt eine überraschende Zäsur. Die Musik ist meist ruhig und eher verhalten (Drummer Rast verwendet oft Besen), um dann für kurze Perioden eine beinhart funkige Gestalt anzunehmen - dies sind auch oft die Momente der inneren Ekstase. Die Variationen entstehen hier nie in Form spektakulärer Chorusse, sondern ganz fein und verhalten auf einer «Mikro-Ebene». Bei aller Festlegung scheint Bärtschs Welt noch zahlreiche Überraschungen zu bergen, lächeln sich die vier Virtuosen doch in solchen Momenten spontan an und freuen sich wie kleine Kinder. Und dieser Funke, dieses leidenschaftliche feu sacré springt auf das dankbare Publikum über.

Nick Liebmann