| nik bärtsch press | Neue Luzerner Zeitung | 08. 09. 2004

Zum Punkt der kein Ziel ist

Nik Bärtsch liebt das Minimale und Repetitive. In der Beschränkung findet er die Befreiung. Wie das klingt, tun zwei verschiedene CD's kund, die zusammen veröffentlicht wurden.

Der Zürcher Pianist Nik Bärtsch wartet gleich mit zwei neuen CDs auf, die seine Konzeption von "Ritual Groove Musik" konsequent und eindrücklich vor Ohren führen. Wir hören ein scheinbar zirkuläres, doch sublim expandierendes System aus wenigen musikalischen Parametern, das sich mit fortlaufender Zeit nicht nur der Ohren, sondern der Wahrnehmung bemächtigt. Die Musik ergreift einem als Körper und wirkt auf den Körper.

Kein Ziel

Auf der CD "Aer" spielt Bärtsch mit seiner Band Mobile, auf "Rea" mit seiner Band Ronin. Live kann Mobile die Musik zum stundenlangen Ritual dehnen, ergänzt mit einem speziellen Licht- und Raumdesign. Auf der CD haben wir nur eine akustische und reduzierte Variante - aber sie reicht als Vollnahrung. Nik Bärtsch (Piano), Kaspar Rast (drums), Sha (Bassklarientte, Altosax) und Mats Eser (Marimba, Percusssion) führen ihre faszinierende Minimal-Music zum Punkt, der kein Ziel ist. Dennoch kommen wir an.

Ronin andererseits ist das "Zen-Funk"-Quartett, mit Björn Meyer (Bass), Kaspar Rast (Drums), Andi Pupato (Perkussion) und Nik Bärtsch an Piano und Fender Rhodes. Entsprechend direkter, vielleicht auch knackiger oder gar dubbiger, fährt "Rea" in die Knochen. Wiederum sind es variierte Module, die in längeren Einheiten evolutionieren. Wie "Aer" wird auch "Rea" zu einer Kontemplation, einer Schärfung auf das Wesentliche. Die Musik will Leere und diszipliniert dabei die Wahrnehmung des Hörers.

Aggregatszustände

Mobile und Ronin verhalten sich zueinander wie verschiedene Aggregatszustände desselben Stoffes: Einzelne Klänge und perkussive Module, die sich in mathematischer Präzision subtil verändern. Das Mechanische des Geklöppels und das Sture des Basses haben im Gegensatz zum Roots-Groove etwas Konstruiertes, doch die Wirkung als Ganzes lässt diese Musik dennoch leben und atmen. Repetition und Reduktion durchdringen sie wie das Licht das Wasser. Klar an der Oberfläche, unsichtbar in ihren Tiefenstrukturen. Wer sich ins Wasser begibt, wird nass. Wer sich dieser Musik aussetzt, wird des Elementaren gewahr.

Pirmin Bossart