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04. 04. 2006
Endlich angekommen bei ECM: Nik Bärtsch und seine Band Ronin
Klanginsel neben der Zeit
Von Ulrich Steinmetzger
Kann sein, dass man anfangs an die magische Musik des schwedischen Esbjörn Svensson Trios denkt. Denn auch diese Themen zielen mit Nachdruck und in eingängigen Schleifen nicht nur auf den Intellekt, sondern auch auf die Beine. Fast ist das wie ein anderer Pop. Rhythmus ist eine elementare Komponente dieser Musik, die in unserer Maschinenwelt vielleicht deshalb boomt, weil sie handgemacht ist, nachvollziehbar und also menschlich.
Nik Bärtsch’s Kompositionen kommen daher im Kontext solch neuer Kammermusik. Jedenfalls auf den ersten Blick, auch weil wir gelernt haben, Musik durch Vergleiche zu rubrizieren, um die Übersicht nicht zu verlieren.
Verschiebung ins Sperrige
Doch der erste Eindruck wird nicht bleiben. Er verschiebt sich ins Sperrige, Verstörende. Man ist irritiert und fasziniert – genau in dieser Reihenfolge. Und möglicherweise mit einem recht grossen Abstand dazwischen. Auch deswegen gilt: Man braucht Zeit für Nik Bärtsch und seine Band Ronin. Dieses Quintett nimmt sie sich auch, weil sie die unbedingte Voraussetzung ihres Arbeitens ist.
Diese Musik denkt anders. Nicht in Kammern, sondern in weiten Räumen oder gross entworfenen Gebäuden. Nicht in abgezirkeltem Mass, sondern in auf Weite konzipierter Offenheit. Die Stücke von Ronin könnten vorher schon begonnen haben und nach ihrem Ende noch weiter gehen. Im Kopf tun sie das sowieso. Irgendwann jedenfalls. Dann tanzen sie dort wie an Aufziehfäden, dass es etwas von Trance bekommt, dass es voller Suggestion pulsiert, groovt und immer so weiter gehen könnte. Dass man mitten in der Zeit seine Klanginsel daneben hat. Oder sein Ritual.
Ritual ist eine Vokabel, die Nik Bärtsch gern verwendet. Zum Beispiel in seiner Formel „Ritual Groove Music“, in der starken Betonung des Einflusses japanischer ritueller Musik, in der quasifamiliären Art ihrer Aufführung oder in den regelmässigen Montagsworkshops im Züricher Bazillusclub, wo Interessierten Prinzipien und Philosophie dieser Musik vermittelt werden. Das kommt wie aus einem inneren Kreis. Hermetisch bleibt es deswegen nicht. Das wächst sich aus in insistierende Sinnlichkeit. Das ist ganz und gar originär. Vergleiche taugen hier nur, um einzelne Elemente zu fixieren. Erst deren Addition aber ergibt das Faszinierende dieser Musik, die so vollkommen autark sich ihrer selbst bewusst ist.
Wie geht das? Indem man seine Vision wachsen lässt, ohne sie an zu engen Koordinaten festzumachen. Im Booklet zitiert Nik Bärtsch Igor Strawinsky: „Ein Komponist präludiert, wie ein Tier wühlt“, um hinzuzufügen: „Eine Band soll zum integralen Organismus reifen – dann lebt sie wie ein Tier, ein Biotop, ein urbaner Raum.“ Sie muss ausblenden können, Ballast abwerfen und zusammenrücken. Man will „mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzielen“. Und tut es, indem man aus Funk, Steve Reichs Minimal Music und Japanischem etwas Eigenes destilliert.
Das lebt von Modulen, komponierten Bausteinen mit hohem Wiedererkennungswert, die in langen Schleifen und Überlagerungen repetiert werden. Weil sehr im Unterschied zur akademischen Kunstmusik, Puls, Funk und Groove durchgehen, bekommt das hypnotischen Furor und fulminante Nähe.
Seinen Schlagzeuger Kaspar Rast kennt Bärtsch seit Kindertagen. Auch Perkussionist Andi Pupato stammt aus der Nachbarschaft. Irgendwann kam der schwedische Bassist Böjrn Meyer hinzu und jüngst der Bassklarinettist Sha.
Obwohl Bärtsch als Jazzmusiker begonnen hat, gibt es in dieser Musik keinerlei solistischen Ausbruch. Alles dient dem somnambulen Gruppenspiel: die Reduktion auf ein kleines an einer Glocke geschlagenes Muster, das Dienende der tiefen Klarinettenrhythmen, die im Hintergrund bleiben, die kleinen dramatischen Akzentverschiebungen des Schlagzeugs, die strengen Basslinien. Das ist extrem disziplinierte Musik. Der Albumtitel „Stoa“ betont das Stoische dieser Stücke, die nicht auf den simplen Song hinkomponiert sind.
Lücke zwischen E und U
Nach klassischem Klavierdiplom, Philosophie- und Linguistik-Studium, halbjährigem Japanstipendium, diversen Theatermusiken, wechselnden Besetzungen, vielen Festivalauftritten und sieben vornehmlich übers Internet vertriebenen Platten ist der Mittdreissiger Bärtsch bei ECM angekommen. Im edlen Katalog des Münchner Labels füllt er eine bis dato noch unbesetzte Stelle zwischen E und U.
Als „Ronin“, so der Name der Band, bezeichnet man übrigens einen herrenlosen Samurai, der als Einzelkämpfer gegen Clans und Banden bestehen muss.
ECM/Universal 1939 9873631: Nik Bärtsch’s Ronin: Stoa.