Schwarzwälder Bote 10.10.2011
Präzisionsmaschine Nik Bärtsch’s Ronin sorgt in Tübingen für Begeisterung von Christoph Wagner Nik Bärtschs Quintett Ronin ist vielleicht die international erfolgreichste Gruppe der Schweizer Jazzszene, die als eine der interessantesten in Europa gilt. Die fünf Musiker aus Zürich haben einen eigenständigen Stil entwickelt, den sie “Zen-Funk” nennen. Wie Ronin klingt keine andere Gruppe auf dem Planeten. Ein vollbesetzer Saal im Tübinger Kulturzentrum Sudhaus belegte die Popularität der Band auch in unseren Breiten, was kein Zufall ist, gehört sie doch zu den herausragenden Formationen im Stall des renommierten ECM-Labels aus München. Als Ronin wurden im alten Japan die Samurai bezeichnet, die keinem Herren unterstellt waren. Diese herumvagabundierenden Ritter übten ihre Kriegskunst mit zen-buddhistischer Konzentration aus. So gesehen ist der Name der Band ein Hinweis auf die musikalische Ausrichtung des Zürcher Ensembles. Die fünf Musiker haben sich von der Herrschaft eines bestimmten Stils befreit und eine eigene Richtung eingeschlagen, die Elemente von Jazz, Funk, progressivem Rock, aber vor allem der Minimalmusik, auf höchst originelle Weise verbindet. Obwohl man immer wieder Anklänge an Terry Riley, Weather Report, Herbie Hancock oder auch King Crimson hört, ist die eigenen Handschrift doch durchgehend erkennbar. Als wichtiger Baustein der Minimalmusik gilt die stetige Wiederholung kleinster melodischer Partikel, die mit der Zeit variiert und verschachtelt werden, wodurch ein trancehaften Effekt entsteht. Nach diesem Prinzip funktioniert auch der “Zen-Funk” von Nik Bärtsch. Die Musik nimmt sich Zeit, baut sich langsam auf: kleinste ryhthmische Muster und Formeln, Melodien und Riffs laufen in stoiischer Manier im Kreis, greifen dabei mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks ineinander. Nur das Saxofon und die Baßklarinette fallen aus der Reihe. Sie sorgen mit langen ausgreifenden Tönen für die harmonische Überwölbung des musikalischen Geschehens. Im Mittelpunkt steht der Gruppenklang, auf solistische Profilierung wird fast völlig verzichtet. Oft bewegen sich komplexe rhythmische Linien neben-, über- und gegeneinander, die dann in einem herausstechenden Akzent punktgenau zusammentreffen, wobei von der Technik der Verdichtung und dynamischen Steigerung ebenfalls effektvoll Gebrauch gemacht wird. Von den Tasten des Pianos und des elektrischen Klaviers aus lenkt der 40jährige Bandleader das Geschehen, um gelegentlich mit einem spitzen Schrei einen abrupten Rhythmuswechsel anzukündigen, der die Musik schlagartig in anderes Fahrwasser führt. Das zahlreiche Publikum geriet fast aus dem Häuschen und ließ die Band erst nach zwei längeren Zugaben von der Bühne. Das Konzert bildete einen fulminanten Auftakt der Jazz-Herbstsaison in Tübingen, die mit dem amerikanischen Saxofonisten Rudresh Mahanthappa (25. Okt) sowie Manfred Kniel’s Reduction Quartet mit dem Posaunenstar Mike Svoboda (12. Nov) zwei weitere höchstoriginelle Gruppen des aktuellen Jazz in die Universitätsstadt am Neckar bringen wird. Jazzfans können sich auf spannende Konzerte freuen.