| nik bärtsch press | Die Weltwoche | 16. 03. 2006

Top Zen


Bei Nik Bärtsch und seiner Gemeinde geraten aufmerksame Zuhörer ins Schweben


Von Peter Rüedi

Jazz, heisst es, sei „Geschichten erzählen“. Nichts will Nik Bärtsch, 15, weniger, als Geschichten erzählen. Zwar wuchs er mit dem Jazz auf, liess sich ab 16 zum klassischen Pianisten ausbilden, entdeckte die Quer- und Gegendenker John Gage und Morton Feldman, den Minimalismus von Steve Reich, und seit da interessiert ihn die Abschaffung des Egos mehr als dessen Verwirklichung. Die Gruppe wurde ihm wichtiger als er selbst, und das hatte nichts mit Bergpredigt zu tun und rechter und linker Backe, weil bei ihm die Überwindung des Egozentrismus nicht der Altruismus ist, sondern ein anderes System. Musik als ein mit dem Erfinder nur mehr locker verbundener selbsttätiger Vorgang: „Ich finde einen Rhythmus und schaue mir den an: Wie tanzt der? Wie bewegt er sich?“
Zu Nik Bärtschs „community“ gehört seit Grundschulzeiten (!) der Schlagzeuger Kaspar Rast, und auch sonst arbeitet er mit Musikern gern über Jahre (worunter er hauptsächlich versteht, „am richtigen Ort nichts zu tun“) – mit der Gruppe „Mobile“ (mit Rast, dem Perkussionisten Mats Eser und Sha am Saxofon und Bassklarinette) und mit „Ronin“ (Rast, der Bassist Björn Meyer, Perkussionist Andi Pupato und Sha an Kontrabass und Bassklarinette). Zur „community“ gehört aber auch (wie einst in der sogenannten Volksmusik) ein vertrautes Publikum. Jeden Montag findet es sich zu Bärtschs „ritual grooves“ im Zürcher Klub „Bazillus“ ein. In dem, was sie bei Zuhörern bewegt, erwacht diese scheinbar statische Musik zum Leben.
Alles schon da gewesen, mögen skeptische Geister monieren, neben den von Bärtsch selbst genannten Ahnen auch bei Giacinto Scelsi, oder in der Minimal Art überhaupt, in der Musik oder in der Malerei (Robert Rymans weisse Bilder). Schon, müssen wir eingestehen, aber eben nicht ganz. Nicht ganz so. Bärtschs Minimal-Kunst ist eine Kunst der kleinen Differenzen. Sie arbeitet mit Modulen, einfacheren oder komplexeren musikalischen Bausteinen, die repetiert, überlagert, kombiniert werden. Mal sind sie zur improvisatorischen Ausweitung freigegeben, mal durchkomponiert und in Wiederholungen geschichtet und verdichtet, die gleichzeitig einen immer weiter um sich greifenden Groove entfalten und anderseits an den Grundfesten der Musik rütteln, nämlich ihrer Gefangenschaft im zeitlichen Ablauf. Diese Musik hat (anders als eine Geschichte) keinen Anfang und kein Ende.
Sie ist statisch, aber nur so, wie eine (scheinbar) ruhige Wasseroberfläche statisch ist. Auch wenn sie Bärtsch nicht in exzessiven Exerzitien über 26 Stunden zelebriert (was zuweilen vorkommt), dreht sie sich im Kopf dessen weiter, der sich einmal mit ihr infiziert hat.
Steve Reich begegnet James Brown, diese Formel trifft die Sache nicht schlecht, und tatsächlich wurden popseitig schon Begriffe wie Trance und Ambient aufgebracht. Sie sind auch nur bedingt tauglich, ist doch bei Bärtsch alles live. No loops. Das taktil-sinnliche Element ist unerlässlich, der Selbstverlust in der Wiederholung ist ein Gewinn an Körperlichkeit. Wie bei einer Spirale bleibt offen, ob sie uns immer weiter nach innen oder immer weiter nach aussen reisst. Ins Schweben geraten wir so oder so.

Gesünder wohnen

Wenig verwunderlich, dass Nik Bärtsch eine Vorliebe für japanische Kunst hat. „Zen Funk“ nennt er auch, was er macht, ein halbes Jahr verbrachte er in Japan, der Name einer seiner Gruppen stammt aus dem Japanischen: „Ronin“ sind die herrenlosen Samurai, denen Kurosawa ein Denkmal setzte. Seine Musik sei eine „zum Bewohnen“, sagte Bärtsch einmal. Erik Satie, auch einer seiner Ahnen, nannte das „musique d’ameublement“. Auch dessen „musique blanche et immobile“ hatte eine levitatorische Wirkung.
Bärtsch wird sich auf aussermusikalische Korrespondenzen einstellen müssen. „Monsier!“ schriebt die „Tagelöhnerin Frau Lengrenage“ am 20.2.1889 Erik Satie: „Seit Jahren litt ich an Nasenpolypen, kompliziert durch ein Leberleiden und rheumatische Schmerzen. Beim Anhören Ihrer ‚Ogives’ hat sich mein Zustand merklich gebessert: nach vier- oder fünfmaliger Anwendung Ihrer dritten ‚Gymnopédie’ war ich vollständig geheilt.“