Zen oder die Kunst, eine Band zu sein
„Stoa“ heisst programmatisch das neue Werk des Zürcher Ausnahmejazzers Nik Bärtsch – es erscheint beim Münchner Edellabel ECM. Am Sonntag tritt der Pianist mit seiner Gruppe Ronin in Bern auf – eine Übung.
Kann gut sein, dass man anfangs an die magische Musik des schwedischen Esbjörn Svensson Trios denkt oder auch an die ruppige Variante der traditionellen Klaviertrios, wie sie die Amerikaner von The Bad Plus zelebrieren. Die Themen zielen mit Nachdruck und in eingängigen Schleifen nicht nur auf den Intellekt, sondern auch auf die Beine. Fast ist das wie ein anderer Pop. Das eng verzahnte Agieren der Beteiligten ist überschaubar und reaktionsschnell, die Spieltechniken auf dem Piano sind modern, nutzen den Flügel und seinen Innenraum auch als perkussiven Korpus.
Rhythmus ist eine elementare Komponente dieser Musik, die in unserer Maschinenwelt vielleicht auch deshalb boomt, weil sie handgemacht ist, nachvollziehbar und also menschlich. Weil in ihr das gute Alte aufscheint, mühelos transportiert in die Gegenwart, ohne deswegen unspektakulär zu sein. Nik Bärtsch’s Kompositionen kommen im Kontext solch neuer Kammermusik daher. Jedenfalls auf den ersten Blick.
Zeit
Doch dieser erste Eindruck wird nicht bleiben. Er verschiebt sich ins Sperrige, Verstörende. Man ist irritiert und fasziniert – in dieser Reihenfolge. Und möglicherweise mit einem recht grossen Abstand dazwischen. Auch deswegen gilt: Man braucht Zeit für Nik Bärtsch und seine Band Ronin. Dieses Quintett nimmt sie sich auch, weil sie die unbedingte Voraussetzung ihres Arbeitens ist. Diese Musik denkt anders. Nicht in Kammern, sondern in gross entworfenen Gebäuden. Nicht in abgezirkeltem Mass, sondern in auf Weite konzipierter Offenheit.
Die Stücke von Ronin könnten vorher schon begonnen haben und nach ihrem Ende noch weiter gehen. Im Kopf tun sie das sowieso. Irgendwann jedenfalls. Dann tanzen sie dort wie an Aufziehfäden, dass es etwas von Trance bekommt, dass es voller Suggestion pulsiert, groovt und immer so weiter gehen könnte. Dass man mitten in der Zeit seine Klanginsel hat oder sein Ritual.
Ritual
Ritual ist eine Vokabel, die Nik Bärtsch gern verwendet. Zum Beispiel in seiner Formel „Ritual Groove Music“, in der starken Betonung des Einflusses ritueller japanischer Musik auf seine Arbeit, in der quasifamiliären Art ihrer Aufführung, für die vorzugsweise besondere Orte gewählt werden, oder in den regelmässigen Montagsworkshops im Züricher Bazillusclub, wo Interessierten Prinzipien und Philosophie dieser Musik vermittelt werden.
Das kommt wie aus einem inneren Kreis. Hermetisch bleibt es deswegen nicht. Das wächst sich aus in insistierende Sinnlichkeit. Das ist ganz originär. Vergleiche taugen hier nur, um einzelne Elemente zu fixieren. Erst deren Addition aber ergibt das Faszinierende dieser Musik, die so vollkommen autark sich ihrer selbst bewusst ist.
Biotop
Wie geht das? Indem man seine Vision wachsen lässt, ohne sie an zu engen Koordinaten festzumachen. Im Booklet zitiert Nik Bärtsch Igor Strawinsky: „Ein Komponist präludiert, wie ein Tier wühlt“, um hinzuzufügen: „Eine Band soll zum integralen Organismus reifen – dann lebt sie wie ein Tier, ein Biotop, ein urbaner Raum.“ Sie muss ausblenden können, zusammenrücken, dass es wie in diesem Fall fast etwas Traumverlorenes hat. Man will mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzielen und tut es, indem man aus Funk, Steve Reichs Minimal Music und Japanischem etwas Eigenes destilliert.
Das lebt von Modulen, komponierten Bausteinen mit hohem Wiedererkennungswert, die in fintenreichen, langen Schlaufen und Überlagerungen repetiert werden. Weil sehr im Unterschied zur akademischen Kunstmusik, Puls, Funk und Groove durchgehen, bekommt das hypnotischen Furor und fulminante Nähe.
Seinen Schlagzeuger Kaspar Rast kennt Bärtsch seit Kindertagen. Auch Perkussionist Andi Pupato stammt aus der Nachbarschaft, irgendwann kam der schwedische Bassist Böjrn Meyer hinzu und jüngst der Bassklarinettist Sha. Obwohl Bärtsch als Jazzmusiker begonnen hat, gibt es in dieser Musik keinerlei solistischen Ausbruch. Alles dient dem somnambulen Gruppenspiel: das Dienende der tiefen, punktuell gesetzten Klarinettenrhythmen, die im Hintergrund bleiben, die minimalen, doch dramatischen Akzentverschiebungen durch das Schlagzeug, die strengen Basslinien.
Stoa
Nach klassischem Klavierdiplom, Philosophie- und Linguistikstudium, halbjährigem Japanstipendium, nach diversen Theatermusiken, wechselnden Besetzungen zum konsequenten Verfolgen seines Konzepts und vielen Festivalauftritten, nach sieben vornehmlich übers Internet vertriebenen Platten ist der Mittdreissiger Bärtsch bei ECM angekommen. Im edlen Katalog des Münchner Labels füllt er eine bis dato noch unbesetzte Stelle zwischen E und U. Stoisch.
Ulrich Steinmetzger