| nik bärtsch press | Arte TV Online, D | 21. 03. 2006

Jazz / Minimalmusic

Nik Bärtsch's Ronin

"Stoa"

Der Schweizer Pianist und Komponist Nik Bärtsch hinterfragt in seiner repetitiven Musik die Mechanismen des Alltäglichen und sensibilisiert den Hörer für die Differenz in der Wiederholung.

Von Matthias Schneider

Mit Hilfe von auskomponierten Modulen, die aneinander gereiht werden, konstruieren Bärtsch und seine Mitmusiker ein komplexes Geflecht aus gegenläufigen Rhythmen und vielschichtigen Melodieüberlagerungen. Bärtsch bezeichnet diese Arbeitsweise als "Modul-Ritual", mit der er seiner Musik eine Form von Räumlichkeit verleiht: "Bei repetitiver Musik entsteht etwas Räumliches. Man kann sich plötzlich in einem Musikstück bewegen, man kann das Stück betreten, dort herumgehen und wohnen. Das erlaubt einen anderen Fokus auf die Unterschiede innerhalb des Gleichen."

Doch Bärtsch bewegt sich mit seinem Debütalbum bei dem renommierten Jazz-Label ECM nicht nur im Spannungsfeld von Jazz und Minimalmusic. Obwohl seine Kompositionsmethode gewisse Parallelen zu einem der wichtigsten Stücke der Minimalmusic aufweist, nämlich zu Terry Rileys legendärem "In C", gibt es einen eklatanten Unterschied. Während Riley seinen Musikern die Entscheidung überlässt, wann sie einen Modul-Wechsel vornehmen, unterbindet Bärtsch dagegen jedwede Form des Zufalls. Der Schweizer Pianist ist ein Perfektionist und fügt seine Module nach einer ausgeklügelten Dramaturgie aneinander. Dabei dirigiert Bärtsch den Hörer durch mäandernde Melodieläufe, in denen sich dieser wunderbar verlieren kann, oder schreckt ihn durch markante rhythmische Akzente auf. Wenn das Quintett dann in diesen Momenten mit aller Intensität auf den Punkt spielt, taucht unweigerlich die dritte wichtige Koordinate in dem Œuvre des Pianisten auf, der Funk.

Das Album "Stoa" bietet vielerlei Anknüpfungspunkte. Bärtsch stellt dem Hörer frei, wie man sich seiner Musik nähert oder sich in ihr bewegt. Man kann sich zu philosophisch-ästhetischen Reflexionen inspirieren lassen, die komplexen Strukturen erkunden oder sich einfach von den fließenden Melodien treiben lassen. Auf jeden Fall ist es eine äußerst interessante Einladung, der man unbedingt folgen sollte.