| nik bärtsch press | RONIN, STOA Booklet |
08. 02. 2006
RONIN Rhythm
Auf die Frage nach der Bedeutung von Worten sagte Igor Strawinsky: "Manchmal fühle ich mich wie jene alten Männer, denen Gulliver auf der Reise nach Laputa begegnet: Sie haben der Sprache entsagt und versuchen, sich mit Hilfe von Objekten zu verständigen. Ein Komponist befindet sich immer in dieser Lage, da er keine verbale Kontrolle über seine Musik hat. Der einzige wahre Kommentar zu einem Musikstück ist ein anderes Musikstück."
»Appetenz«, ein Bild des Berliner Malers Armin Staudt, stellt in einem geometrischen Raum, plastisch schwarz auf schwarz, ein urtümliches Tier mit der Schnauze nach unten dar. "Ein Komponist präludiert, wie ein Tier wühlt", sagt Strawinsky. Das Tier in dem Bild wirkt gerade durch seine klar komponierte Umgebung lebendig, archaisch und sonderbar. Je nach Lichtfall beginnen die unter der Bildfläche schlummernden Farben seismisch zu singen. Die Komposition des Bildes überlistet sich selbst.
Eine Band soll zum integralen Organismus reifen – dann lebt sie wie ein Tier, ein Biotop, ein urbaner Raum. Sie bringt Obertonblumen hervor, Ghostnotes, Schatten von Klängen, perspektivische Fluchten.
In der japanischen Kampfkunst heißt es: Man soll mit dem Körper denken. Anaxagoras sagte: "Der Mensch denkt, weil er Hände hat." Ähnlich wie das Appetenz-Tier schnüffelt, weil es eine Nase hat, spielen RONIN aus Lust am Taktilen, am perkussiven Städtebau, am räsonieren durch resonieren. Sie denken mit Ohren und Händen. Ihre Stücke können wie Räume betreten und bewohnt werden.
Nik Bärtsch, Zürich Oktober 2005