| nik bärtsch press | Neue Zürcher Zeitung | 22. 07. 2004

Spiralförmige Entwicklungen


Zwei neue Alben des Zürcher Pianisten Nik Bärtsch


Die musikalische Welt des Zürcher Pianisten Nik Bärtsch scheint sich, hermetisch geschlossen, kaum zu verändern. Seinen autochthonen Zugang zur Musik umschreibt er mit dem selbst geprägten Etikett "Ritual Groove Music", fast alle seiner Kompositionen tragen die Bezeichnung "Modul" und eine Nummer. Unveränderlich ist scheinbar auch das Prinzip, das Bärtschs Musik zugrunde liegt. Die Module bestehen aus einem Groove, der sich in der Regel aus der Kombination eines raffiniert strukturierten Schlagzeugpulses und einer ostinaten Basslinie ergibt. Ein Perkussionist unterteilt den Groove mit einfachsten Mitteln, zum Beispiel mit hölzernen Temple Blocks oder einer Kuhglocke. Die Perkussionsschläge erfolgen allerdings an den überraschendsten Stellen, so dass die vom Zuhörer wahrgenommenen und identifizierten Zyklen immer wieder kippen. Dadurch entsteht unweigerlich ein verunsichernder Schwebe-Effekt, als ob einem der Teppich unter den Füssen weggezogen würde. Über diesen hypnotisch wirkenden Untergrund schichtet Bärtsch Klangereignisse - zum Beispiel plötzlich auftauchende Einzelakkorde, die dann überlebensgross wirken.

Auf diesen Fährten wandelt Bärtsch schon seit einigen Jahren, scheint sich ständig im Kreis zu bewegen. Aber aufgepasst: Bei näherem Hinhören oder Hinschauen entdeckt man die Täuschung: Bärtsch und seine Musik entwickeln sich sachte spiralenförmig. Die Variation erfolgt nicht in Schritten, sondern kontinuierlich und subtil. Nun wird einem plötzlich bewusst, dass die Musik sich stets verändert und dass in diesem Konzept noch erhebliches Entwicklungspotenzial steckt. Die Strukturen der sich ständig leicht verschiebenden Loops werden gleichzeitig komplexer und harmonischer, die Ereignisse sparsamer und gleichzeitig wirkungsvoller, die Flächen grösser und gleichzeitig transparenter. Der Eindruck eines faszinierenden Perpetuum mobile verstärkt sich und fasziniert durch seine Variabilität in Mikrobereichen.

Bärtsch betreibt zwei Ensembles, die sich leicht unterscheiden. Das Quartett Ronin wirkt - aufgrund des Einbezugs von Björn Meyers zeitweise zupackendem E-Bass - rockiger und extrovertierter als das zartere Quartett Mobile. Dennoch ist die Musik von Ronin feiner und variantenreicher geworden. Beinahe brachiale, subsonische Episoden und fragilere Klangstrukturen wechseln sich ab, die angenehm verwirrenden Interventionen des Perkussionisten Andy Pupato sorgen für ein Aufbrechen der soliden Grundlagen, die vom eng verzahnten Gespann des Bassisten mit dem unglaublich soliden und einfühlsamen Schlagzeuger Kaspar Rast kommen. Nur in zwei Modulen kommt ein Teil der "Ereignisse" von Gastbläsern.

Im Quartett Mobile hingegen verzichtet Bärtsch auf den Elektrobass. Dafür ist die Bassklarinette und das Altsaxophon von Sha fest in den Bandklang integriert, der im Übrigen durch den Einbezug des Marimbaspielers Mats Eser eine ganz eigene Farbe erhält. Wiederum sorgt Kaspar Rast für den unumstösslichen Puls. Besonders interessant ist hier die Entwicklung dieser eigenwilligen Musik nachzuvollziehen, weil es sich bei zwei Modulen (16 und 8-11) um ältere Kompositionen handelt. Hier kommen sie in veränderter Form daher - einer Veränderung, die ihnen vorzüglich steht.

Nick Liebmann