| nik bärtsch press | Der Bund | 24. 04. 2003

Askese und Hypnose


«Ritual Groove Music» nennt der Zürcher Pianist Nik Bärtsch seine ungewöhnlichen Klänge zwischen Minimal und Funk. Heute spielt er im «Moods».

Das Klavier ist ein Instrument, das zu schillerndem Klangzauber und orchestraler Üppigkeit verführt. Der Jazz ist eine Musik, die sich gerne dem verschwenderischen Überschwang hingibt. Jazzpianisten sind Menschen, die in der Regel gerne aus dem Vollen schöpfen. Aber es gibt auch Ausnahmen: Count Basie mit seinem charmanten Minimal-Swing, Thelonious Monk mit seiner bohrenden Motivik, Mal Waldron mit seinen sich im Kreis drehenden Figuren. Und Nik Bärtsch. Aber ist der klassisch geschulte Pianist und Komponist aus Zürich überhaupt ein Jazzmusiker? Er selbst sagt: «Das orgasmische Prinzip interessiert mich nur bedingt. Kulturhistorisch grenze ich mich bewusst gegen das Klischee des schwitzenden und in expressivem Aktivismus zuckenden Jazzmusikers ab.» Und der deutsche Musikpublizist Peter Niklas Wilson, der in Bärtschs Musik eine «subtile Erotik der Materialarmut» entdeckt, hält fest: «So diszipliniert, so Ego-los musizieren Jazzmusiker selten.»

Ronin: Das waren im alten Japan die herrenlosen Samurai. Ronin: So nennt Bärtsch sein Quartett mit dem Bassisten Björn Meyer, dem Schlagzeuger Kaspar Rast und dem Perkussionisten Andi Pupato. Im Gegensatz zur Formation Mobile, mit der Bärtsch ambitionierte Ritualzeremonien in speziellen Räumen zur Aufführung bringt, ist Ronin eine Art schnelle Eingreiftruppe, die sich im Clubambiente heimisch fühlt. Die Musik von Ronin kommt ohne eigentliche Themen aus, an ihre Stelle tritt das Prinzip der polymetrischen Rotation. Mit anderen Worten: Die Arbeit am Groove-Geflecht tritt in den Vordergrund. Bärtsch führt aus: «Man muss eine Art bewusste Trance erreichen, um das immer Gleiche oder Ähnliche präzise spielen zu können und um die Aufmerksamkeit auf die minimalen Variationen und Phrasierungen zu lenken und sich an diesem Bonsai-Interplay zu erfreuen.»

Klangfetischisten

Eine Spezialität von Ronin ist das Aufbauen und Halten von Spannung, die nicht aufgelöst wird. Dazu kommt ein zwischen transparenter Eleganz und archaischer Angriffigkeit oszillierender Klangfarben-Fetischismus; für besondere Akzente sorgt Bärtsch durch den Einsatz eines in den hohen Lagen verstimmten Fender-Rhodes-Pianos und eines knurrenden DX-7-Keyboards. Nach der streckenweise gar stark von kühlem Kalkül dominierten Studio-CD «Randori» erscheint in diesen Tagen das Album «Live», das vor ziemlich genau einem Jahr bei umjubelten Auftritten in Bern und Zürich mitgeschnitten wurde.

(tom)