"Zeigen, wie man Kunst und Leben zusammenbringt"
Pianist, Komponist und Produzent Nik Bärtsch, 33, lebt in Zürich und Berlin. Seit er acht ist, spielt er Jazzklavier. 1997 schloss er seine klassische Ausbildung an der Musikhochschule Zürich ab. Seither hat er für seine Arbeit mehrere Förderpreise erhalten. Er ist Erfinder der «Ritual Groove Music», die er in drei verschiedenen Formationen realisiert. Mit der Zenfunk-Band «Ronin» trat er am Donnerstag in der Oberen Mühle in Dübendorf auf (siehe Bericht unten).
Anzeiger von Uster: Rituale bringt man mit Magie und Religion in Verbindung. Welche Rolle spielt das Spirituelle in deiner Musik?
Nik Bärtsch: Meine Arbeit und mein Leben, wovon die Musik ein zentraler Teil ist, ist immer ein Dienst am Metaphysischen, allerdings nicht im religiösen, mehr im philosophischen Sinn.
Ich habe mich gefragt, warum ich eigentlich welche Musik mache und wo dabei mein Platz ist. Ich habe ja ein klassisches Musikstudium gemacht, viel Jazz und diverse Stile gespielt. Unter anderem aus diesen Überlegungen habe ich mit meiner Gruppe Mobile 36-stündige Rituale kreiert, das sollte eigentlich eine Alternative zum Schnelllebigen, zur Clubkultur bieten, bei der man schnell kommt, eine Pizza verdrückt und kurz den Gig hört, und dann noch einen Video mietet etcetera. Ich wollte für Musiker und Publikum ein Angebot machen, mit diesen Performances einen ideellen und musikalischen Raum kreieren, wo man wieder Zeit hat, wo ein anderes Erleben möglich ist, und überhaupt eine andere Zeitlichkeit gestattet und gestaltet wird. Im Ritual spielen das Repetitive, das Minimalistische und auch das Asketische und Ekstatische immer eine grosse Rolle, und dies ist in meiner Musik sehr wichtig.
AvU: Rituale sollen häufig den sozialen Zusammenhalt verstärken. Welche Funktion haben deine Rituale?
NB: Die inszenierten Rituale mit Mobile sind ein soziales Angebot, sowohl für die Zuschauer wie auch die Band selber. Es fördert natürlich den sozialen Zusammenhalt, von der «Community» her. Es ist quasi ein politisches Angebot, indem man aufzeigt, welche anderen Möglichkeiten es gibt - natürlich auch Kunst und Leben zusammen zu bringen. Bei den Ritualen gab es mehrere Hauptkonzerte, dazwischen konnte man gratis hinein, man konnte mehrere Stunden dort sitzen oder schlafen. Dabei geht es auch um das Soziale: Selten kann man an anderen Konzerten nach oder sogar während der Aufführung länger miteinander reden.
Der Jazz baut ja oft darauf auf, dass sich Formationen ständig verändern. Bei unserer Musik geht es darum, dass die gleichen Leute ganz lange zusammenarbeiten und sich dadurch die Musik ständig verbessert und vertieft, anstatt sich immer wieder «frisch» und «neu» zu präsentieren. Veränderung und das Neue kommen durch Kontinuität und Konstanz.
AvU: Der «Tages-Anzeiger» hat dich als «Wissenschafter» des Groove bezeichnet. Ist deine Musik eine intellektuelle Angelegenheit?
NB: Nein, überhaupt nicht - oder besser nicht nur. Mir gefällt der Ausdruck trotzdem. Groove verbindet man ja gemeinhin nicht mit Intellekt, das sei etwas für den Bauch. Was mir sehr gut am Prinzip Groove gefällt, ist einfach das Körperliche, der Tanz, und auch die Bewegung. Gemeinhin ist das alles andere als intellektuell. Aber wenn dies zu plump ist und «nur» für den Körper, dann erfüllt es mich auch nicht. Ich brauche eine Mischung, eine intelligente Bauchmusik sozusagen.
AvU: Was ist Zenfunk?
NB: Oft meint man ja, Zen sei esoterisch, da hört man gleich plüschige Synthiklänge und Glöggli, weiche Sachen. Diejenigen, die es praktizieren, die wissen auch, dass diese Praxis und die Musik dazu zum Teil sehr hart und perkussiv ist und das Prinzip Ekstase durch Askese darin enthalten ist. Und das ist im Funk nicht anders. Funk ist aus meiner Sicht eine ritualistische Musik. Mindestens in seiner extremen Form. Also eigentlich haben diese beiden Begriffe etwas miteinander zu tun, und gleichzeitig stossen sie sich auch ab. So finde ich es ein interessantes Begriffspaar.
AvU: Ist Ronin die clubtaugliche, populäre Variante der «Ritual Groove Music»?
NB: Sagen wir, Ronin ist die guerillaartige Variante. Eine Band, die weniger aufwendig ist. Die mehr Druck hat, die also lauter spielen kann, die flexibler ist, auch in Bezug auf die Behandlung der Stücke, das meine ich mit guerillaartig. Daraus ist aber eine Band entstanden, die eine ganz eigene Ausprägung meiner Ästhetik entwickelt hat. Es ist eine Variante für Clubs und Festivals, mit Mobile geht das nicht. Das braucht einen speziellen Rahmen.
AvU: «Ronin», einfach ein lässiger Name für das Projekt, oder bedeutet es für dich mehr?
NB: Da steckt sehr viel mehr dahinter, das ist ein Lebenskonzept. Ich mache selbst Kampfkunst, Aikido. Das hat auch mit Zen zu tun. Der Geist hilft dir, gegen widrige Umstände auszuhalten. In diesem Beruf musst du auch hinstehen und dich entscheiden für eine Biografie, die sich nicht den normalen Gegebenheiten anpasst. Du brauchst einen totalen Kampfgeist in diesem Business, um nicht ständig wieder umzukippen. Aber dieser Kampfgeist muss wiederum liebevoll sein.
Beim Aikido steht im Zentrum, dass du dich selbst, deine Ängste und Aggressionen besiegst, und nicht, dass du dem anderen eins in die Fresse haust und der gleich tot ist. Neben der Sinnlichkeit und der Liebe zur Musik braucht es eben einfach auch eisenharte Disziplin.
Interview: Ueli Abt Erschienen am Samstag, 28. August 2004 © «Der Zürcher Oberländer» / «Anzeiger von Uster»
Klangräume von schlichter Schönheit
Das Zenfunk-Quartett Ronin um den Pianisten Nik Bärtsch trat in der Oberen Mühle in Dübendorf auf.
Von Ueli Abt
Nik Bärtsch (Piano), Kaspar Rast (Drums), Andi Pupato (Perkussion) und Björn Meyer (Bass) haben in der Oberen Mühle vor einem kleinen Publikum eine Kostprobe ihres exquisiten musikalischen Produkts serviert: Zenfunk ist Wiederholung, Reduktion auf das Wesentliche - und groovt!Ronin waren Samurai, die keinem Herrn unterstellt waren. Verachtet, ohne materielles Wohlergehen, ja sogar Hunger leidend, hatten sie dennoch ein Privileg: Sie waren frei, den Zweck des Menschen auf der Welt zu untersuchen und zu erfüllen.
Auch Ronin-Bandleader Nik Bärtsch hat sich befreit. Beeinflusst von Vertretern der «Minimal Music» wie Steve Reich, aber auch von der Zen-Philosophie mit ihrer kargen Ästhetik, beschränkt er sich in seiner Musik auf das Wesentliche und schafft durch diese selbst gewählte Einschränkung eine Klangarchitektur von schlichter Schönheit.
Vertrakte Metriken Der Klang scheint zwischen Rhodes und Bass hin- und herzuschweben, die Perkussion raschelt und rauscht. Intermittierend hart angeschlagene Piano-Basstöne. Dann endlich, Schlagzeug und Perkussion grooven los. Satt der Bass, und über alles hinweg, hypnotisierend und traumwandlerisch genau, endlose Pianoloops.
Andi Pupato (Perkussion) erweist sich als Meister der perkussiven Klangfarben. Kaspar Rasts knackiges Spiel am Drumset ist hoch präzise, dabei aber stets diskret. Björn Meyers Basssound: dicht und satt. Dass er mit seinen Bassläufen mittanzt, wenn es so richtig abgeht, täuscht darüber hinweg, um welch vertrakte Metriken es sich eigentlich handelt. Zeremoniemeister Bärtschs (Piano, Rhodes) beredtes Mienenspiel bei geschlossenen Augen verrät abwechselnd Anspannung, Hingabe und Verzückung. Mit seinem kahl geschorenen Schädel erinnert er seinerseits an einen Zenmönch, als
er immer wieder ins Innere des Flügels greift und mit einem Schlegel dem Flügelgehäuse einen stumpfen Knall entlockt.
Module statt Melodien Kompositorisch verpflichtet er sich dem modularen Prinzip: Ein Modul ist ein komponierter musikalischer Baustein. Durch die Repetition dieser Muster und die «Verzahnung» der einzelnen Stimmen zueinander entstehen immer neue Formen. Durch ein Glockensignal oder durch Zuruf zeigt Bärtsch den Wechsel vom einen zum anderen Modul an.
Auf der Suche nach der Musik, die mit seiner Lebenshaltung übereinstimmt, hat der klassisch ausgebildete Pianist und langjährige Jazzer die «Ritual Groove Music» erfunden. Diese realisiert er in drei verschiedenen Varianten. In der Formation Mobile inszeniert er musikalische Rituale, die bis zu 36 Stunden dauern. Bei Ronin stehen der Groove und die Improvisation stärker im Vordergrund, und schliesslich tritt Bärtsch auch solo auf.